LEADING BRANDS

and Supply-Chains

CORPORATE CULTURE

and LEADERSHIP … are most important for strong brands

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09.10.2021 Weinlese Primus Omnium bei Bibo-Runge – 9.00-14.00 Uhr Hallgarten

Die Lebensmittelzeitung über Markus Bonsels:

Schwache Beleuchtung. Es tropft und blubbert, kühle Temperatur – ein typischer Weinkeller. „Der Revoluzzer muss langsam gären, damit er mit sich selber in Balance ist”, sagt Markus Bonsels. Die eigene Balance ist ihm ebenfalls wichtig. Die hat der 51-Jährige offensichtlich gefunden. Bonsels, der eine bemerkenswerte Karriere als Personalchef bei Beiersdorf (weltweit) und Amazon (Europa) hinter sich hat, ist heute Herr über das Weingut Bibo Runge.

Vor drei Jahren steigt Bonsels zusammen mit seiner Frau Monika Eichner in den Betrieb ein, der mitten im kleinen Weinort Hallgarten liegt, oberhalb der Touristenroute, die sich durch den Rheingau zieht. Bei dem Besuch in seinem Weinkeller spricht er schnell und konzentriert. Die Augen des 51-Jährigen leuchten, wenn er erzählt, wie wichtig es ihm und seinem Partner Walter Bibo sei, ihren Weinen viel Zeit zum Reifen zu lassen. Zeit zum Reifen. Das ist ein gutes Stichwort. Der Topmanager, der die Sicherheit einer Konzernkarriere gegen Gummistiefel und körperliche Arbeit eingetauscht hat, sieht sich selbst auch ein bisschen als Revoluzzer. Vielleicht war ihm das so gar nicht bewusst. Sein Lebenslauf zeigt aber, dass er zumindest keiner ist, der sich auf dem einmal eingeschlagenen Weg gradlinig fortbewegt. Immer mal wieder schert er aus der Spur aus. Bonsels studiert zunächst Chemieingenieurwesen und hängt danach ein Zweitstudium zum Wirtschaftsingenieur an.

Sein Berufsleben beginnt er in der Produktion bei Johnson & Johnson. Nach vier Jahren stellt er sich die Frage: Will ich die nächsten 40 Jahre so weitermachen? Weil er das für sich verneint, fängt er an, sich umzusehen. Er wird Personalchef bei J&J im Werk Wuppertal. Während er auf der Karriereleiter nach oben klettert, bleibt er Human Resources treu. Er ist erfolgreich, steigt bei Beiersdorf und Amazon in Top-Positionen auf.
Nach 25 Jahren in der fragmentierten Welt der Konsumgüterkonzerne stellt sich Bonsels erneut die Grundsatzfrage: „Kann ich mit der gleichen Leidenschaft die nächsten zwanzig Jahre in der Corporate-Welt weiterarbeiten?” Damals wohnt er mit seiner Familie in Trier und bekommt so Kontakt zu Winzern, die ihm viel von ihrem Geschäft vermitteln. Langsam reift die Idee heran, Winzer zu werden. „Die Produktion hat viel mit Biotechnologie zu tun, dem Fach, das ich studiert habe”, sagt er. Mit 47 Jahren fällt der Entschluss, noch einmal von ganz vorne anzufangen.

Im Jahr 2015 reicht Bonsels bei Amazon die Kündigung ein. Die Reaktion seiner Kollegen: “Du bist verrückt, aber es macht Sinn”. Ein starker Spruch, der die Entscheidung auf den Punkt bringt. Die Leidenschaft für guten Wein und der Wunsch, ein Produkt ganzheitlich zu betreuen – von der Rebe bis in die Flasche – sind die Triebfedern für den Aussteiger. Bonsels kehrt zurück an die Uni, setzt sich mit halb so alten Studenten in den Hörsaal und studiert Weinbau und Kellerwirtschaft in Montpellier, Bordeaux und Geisenheim.

Als er seine Abschlussarbeit schreibt, lernt er Walter Bibo kennen, der das Weingut Bibo Runge 2014 zusammen mit Kai Runge gegründet hatte. Bibo ist im Rheingau kein Unbekannter. Unter anderem war er Weingutsleiter bei Schloss Reinhartshausen. Bonsels, der sich bereits viele Weingüter angesehen hatte, findet in Walter Bibo den idealen Partner. Im Hallgartener Weingut steigt er für den ausscheidenden Mitgründer Runge ein.
Mit Bibo verbinde ihn die Einstellung “Wir lieben beide charakterstarke Weine und wollen die Methoden weiterentwickeln, die das Weingut erfolgreich gemacht haben.”

Die Prozesse hier sind besonders, wirken entschleunigt, fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Die Trauben werden von Hand gelesen, danach noch angequetscht. Diese Maische bleibt bis zu 48 Stunden stehen. „So holen wir mehr Aroma aus den Trauben heraus”. Die Maische wird über Nacht zum Kühlen nach draußen gestellt. Das reduziert den C02-Fußabdruck, so Bonsels. Den Klimawandel spüre die Rheingauer Winzer heute schon. Ab nächster Woche wird der Spätbürgunder geerntet – drei Wochen früher als gewöhnlich.
Nachdem die Maische heruntergekühlt ist, kommt das Ganze in eine französische Korbpresse. Das sei in Deutschland eher ungewöhnlich, weil es komplizierter ist, als mit herkömmlichen Schlauchpressen zu arbeiten. Fünf Stunden dauert es, bis die Trauben „ganz sanft” entsaftet worden sind. Der Most, der übrig bleibt, sei Dank des schonenden Verfahrens klar und voller Aroma, erklärrt Bonsels.

Der Revoluzzer ist der edelste und mit 26 Euro je Flasche der teuerste Ttropfen im Keller. In 600 Liter-Holzfässern gärt er vor sich hin. Die Mikrooxidation durch das Naturmaterial Holz sorgt für die richtige Balance und eine längere Haltbarkeit.

Aus Bonsels spricht der Winzer, wenn er die ausgeklügelten Produktionsprozesse erklärt. Er ist gleichzeitig ein Manager, der sein Geschäft mit modernen Marketingmethoden wie Storytelling vorantreibt. Der Ex-Amazonier kann zu jedem Wein eine Geschichte erzählen. Der Revoluzzer zum Beispiel heißt so in Erinnerung an Adam von Itzstein. Dieser war Demokrat und lebte im 19. Jahrhundert in Hallgarten. Er versammelte auf seinem Weingut liberale Vordenker, die sich auf die Nationalversammlung in der Paulskirche vorbereiteten.

Auf diese Tradition berufen sich Bonsels und Bibo. „Die Geschichte passt zu uns, denn das, was wir machen, ist vollkommen untypisch für die Riesling-Herstellung.” Adam von Itzstein gehörte ein Gartenhäuschen in den Weinbergen, mit Blick auf den Turm von Schloss Vollrads. Die Partner haben es gemietet und veranstalten hier im Sommer Verkostungen. Ab und an kommen alte Kollegen von J&J, Beiersdorf und Amazon vorbei.
Die Weine von Bibo Runge werden zwar auf Amazon verkauft, aber nicht durch die Winzer selbst, sondern durch Marketplace-Fachhändler. „Für eine neue Marke ist der Internetvertrieb nicht das relevanteste”, meint Bonsels. Hinzu kommt, die Weine kosten alle über zehn Euro. „Die kauft niemand, ohne zu probieren”. Eigentlich sei ihm egal, über welchen Kanal die Produkte laufen. Doch „das Tasting ist das A und O”.

Nachdem Bonsels aus der Turbo-Welt des E-Commerce ausschert, widmet er sich in seiner Masterarbeit einer Frage, die ihn selbst betrifft: Warum kaufen Menschen Weingüter? Die Gründe sind mannigfaltig, sagt er, ohne ins Detail zu gehen. Es handele sich fast ausschließlich um Seiteneinsteiger. Alle, mit denen er gesprochen habe, verfolgten das Ziel, ihr Unternehmen profitabel zu machen. „Für ein reines Hobby steckt zu viel harte Arbeit und Zeit darin.”

So ganz lässt Bonsels die Vergangenheit nicht los. Das Thema Personalführung im digitalen Zeitalter beschäftigt ihn. Gerade arbeitet er an dem Konzept „Learn, Wine, Dine”, das Weiterbildung in Sachen Digital Leadership mit anschließender Weinprobe und Abendessen kombiniert. Der Umsteiger ist überzeugt: „Lernen und dabei Spaß haben, das passt in die Zeit.” Iz 34-18